Farbiges Sehen

Farbiges Sehen

Einige Menschen entwickeln schon früh eine Leidenschaft am Aussprechen und Aufschreiben von Wörtern. Andere erfreuen sich an der Aufzeichnung von Noten, an Tonleitern und am Spiel von Instrumenten. Wiederum andere finden Vergnügen am Geruch von Holz, an seiner Struktur und den Formen, die beim Zusammensetzen der Stücke entstehen… Marie-Pascale Jacqmin hingegen empfand schon früh eine unbändige Lust an Farbe. Eine offensichtliche und dauerhafte Neigung mit Suchtcharakter, die sie seit ihrer Kindheit bedingungslos bejaht und unablässig nährt (« Farbe ist meine Muttersprache »). Im Alter von sechs Jahren nahm sie bereits an Malkursen teil, später folgte ein Studium der Bildenden Kunst.

Jacqmins Faszination für die Nuancen und Harmonien, die beim Assoziieren der Farben entstehen, ist seither ungebrochen, wird von ihr inbrünstig in der künstlerischen Arbeit, aber auch im Alltag gelebt. Sie sieht weniger die Farben; vielmehr ist ihr Blick farbig. Alles ist immer farbig, nie etwas farblos. Das sieht man selbstverständlich an ihrer Malerei, aber auch an der Kleidung, die sie trägt, den Objekten, mit denen sie sich umgibt, den Lebensmitteln, die sie auswählt (« Ich schenke den Farbkombinationen auf meinem Teller grosse Aufmerksamkeit »).

Dieses Bekenntnis zur Farbe zieht sich mit unverwüstlichem Elan durch sämtliche Stationen ihres Werdegangs. Immer wieder hat sie es durch-dekliniert und damit ihre Kreativität bereichert. Sie arbeitete als Koloristin in der Textil- und Tapetenindustrie, als Dekorateurin in der Innenarchitektur, war als Designerin für verschiedene Kollektionen im Bereich Tischdekoration verantwortlich… Als Einkäuferin wählte sie Stoffe für eine auf Kleinkinder spezialisierte Kleidungsmarke, was sie eine Zeitlang regelmässig nach China brachte. Es sind Reisen, von denen sie beeindruckt von den dort gesehenen Formationen zurückkehrt. Auch Indien, wo sie ebenfalls im Einsatz war, hat ihren bildnerischen Ansatz wesentlich beeinflusst.

Während der Jahre beruflicher Tätigkeit, in denen sie ihr künstlerisches Talent zur Anwendung brachte, hat Marie-Pascale Jacqmin nicht aufgehört, an Zeichnungen, an Gemälde zu denken. Kontinuierlich besuchte sie Malereikurse, um an ihrer Technik zu arbeiten, ihr Savoir-faire zu verfeinern. Marie-Pascale griff wieder zu den Pinseln, um sie nicht mehr loszulassen. « Am Anfang wollte ich mit meinen Bildern Geschichten erzählen », erinnert sie sich. « Ich malte Stilleben und nach lebenden Vorbildern. « Es dauert nicht lange, und sie fängt an, ihre Bilder auszustellen. In Paris, hier und da in Frankreich, dann in der Schweiz, in den Niederlanden, Belgien, Italien…

Immer wieder wendet sie dieselbe Methode an. Zuerst Skizzen, danach Proben verschiedener Farbkombinationen (« wie damals, als ich mein Büro für Gestaltung hatte »). Diese vorläufigen Versuche bestimmen auch das Format der Leinwand. Sobald sie die richtige Farbkombination gefunden hat, vergisst Marie-Pascale die Vorzeichnungen und malt ihre Bilder. Ihr Stil? Er schillert zwischen Figurativem und Abstraktion, als wolle er den Betrachtern bei Interpretation und Aneignung auf die Sprünge helfen. Ihre Einflüsse? Matisse, Nicolas de Stäel und, fügt sie hinzu, » vielleicht auch Dufy ».

Marie-Pascale scheint zirkelartig zu funktionieren. Ohne ihre Leinwandmalerei vernachlässigen zu wollen, die sie seit ihren Anfängen in Serien realisiert, denkt sie heute darüber nach, auf einem anderen Untergrund zu arbeiten. Auf Glas zum Beispiel. « Ich habe Lust, die Möglichkeiten, die dieses Material birgt, auszubeuten », erklärt sie und fügt hinzu, « ich weiss, dass man mit ihm mit den Farben spielen kann.  » Mit Farben, natürlich…

Rodolphe Pays

 

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